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Was ein guter Markenclaim wirklich leisten muss (und warum du vielleicht zu viel erwartest)

  • Autorenbild: Blasio Hertz
    Blasio Hertz
  • 29. Juni
  • 6 Min. Lesezeit

Ein Markenclaim ist schnell geschrieben. Zwei Stunden Workshop, drei Adjektive, ein bisschen „Innovation“, einmal „für dich“ und fertig ist der Satz, den auch 40 andere Marken sagen könnten. Genau da liegt das Problem. Ein Claim ist kein Deko-Element für die Startseite. Er ist verdichtete Positionierung. Wenn er weichgespült ist, wirkt auch die Marke weichgespült.

Was ein Markenclaim wirklich ist

Ein Markenclaim ist die verbale Kurzform deiner Markenidee. Nicht dein Leitbild. Nicht dein Purpose-Manifest. Nicht die nette Zeile, die noch unter das Logo musste, weil es da so leer aussah. Ein guter Claim bringt auf den Punkt, wofür du stehst, wie du klingst und warum man dich sich merken soll.

Er arbeitet auf engem Raum. Genau deshalb ist er so schwer. Je kürzer der Satz, desto weniger Platz für Nebel. Ein Claim muss verdichten, zuspitzen und tragen. Über Website, Kampagne, Packaging, Funkspot und Pitchdeck hinweg. Wenn er nur auf einer Imagefolie funktioniert, ist er keiner. Dann ist er ein Strohhalm mit Serifen.

Und ja, ein kurzer Begriffs-Check, weil hier gern alles in einen Topf geworfen wird: Wenn jemand „den Claim" sagt, ist meistens der Markenclaim gemeint. Beziehungsweise: Er sollte gemeint sein. Der Markenclaim gehört dauerhaft zur Marke und steht neben dem Logo. Der Kampagnen-Claim ist etwas anderes, nämlich das Dachmotto einer einzelnen Kampagne. Er kommt, wirkt eine Weile und geht auch wieder. Der Markenclaim bleibt. Wer beides verwechselt, baut entweder eine Kampagne auf Sand oder eine Marke auf einer Eintagsfliege.

Warum so viele Claims austauschbar sind

Die meisten Markenclaims scheitern nicht am Text. Sie scheitern vorher. Genauer gesagt an fehlender Entscheidung. Wenn intern alles wichtig ist, landet am Ende ein Satz draußen, der nichts riskiert und nichts meint.

Dann kommen die üblichen Verdächtigen. Nähe. Zukunft. Qualität. Verantwortung. Leidenschaft. Klingt erstmal sauber. Ist aber in den meisten Fällen komplett egal, weil es weder differenziert noch Haltung zeigt. Kein Mensch erinnert sich an „Wir verbinden Menschen“. Ja, danke. Telekommunikation verbindet Menschen. Züge auch. Kabelbinder im Zweifel ebenfalls.

Ein schwacher Markenclaim entsteht oft aus einem dieser Denkfehler: Man will allen gefallen. Man verwechselt Nettigkeit mit Relevanz. Oder man baut eine Behauptung, die jede Konkurrenz sofort auch unterschreiben würde. Das Ergebnis ist Sprache ohne Biss.

Ein guter Markenclaim muss nicht alles sagen

Das ist der Punkt, den viele Teams nicht mögen. Ein Claim ist keine vollständige Unternehmensbeschreibung. Er muss nicht jede Produktkategorie, jede Region, jede USPs-Wolke und jede Compliance-Sorge unterbringen. Er muss eine Richtung setzen. Eine starke.

Je mehr du in einen Claim stopfen willst, desto eher stirbt er an Überladung. Gute Claims sind selektiv. Sie wählen einen Fokus. Vielleicht Haltung. Vielleicht Nutzen. Vielleicht Perspektive. Vielleicht ein Spannungsfeld, das zur Marke passt. Aber eben nicht alles gleichzeitig.

Das heißt auch: Ein Claim darf Fragen offenlassen. Wenn er Interesse schärft und die Marke klar codiert, macht er seinen Job. Wer von sieben Wörtern einen Geschäftsbericht erwartet, will kein Markenclaim. Er will eine Textwüste im Kleinformat.

Woran du einen starken Markenclaim erkennst

Ein guter Claim klingt nicht nur gut. Er arbeitet. Du merkst das daran, dass er mehr kann als hübsch sein.

Erstens: Er ist relevant. Er dockt an etwas an, das für deine Zielgruppe wirklich zählt. Nicht für dein internes Lieblingswort, sondern für den Markt.

Zweitens: Er ist eigen. Wenn du den Markennamen austauschst und der Satz trotzdem bei fünf Wettbewerbern funktioniert, ist er schwach.

Drittens: Er ist anschlussfähig. Er darf nicht wie eine brillante Einmalidee klingen, die in der Kampagne nett war und danach verendet. Ein Claim muss über Zeit funktionieren.

Viertens: Er hat Tonalität. Manche Claims informieren. Manche provozieren. Manche motivieren. Aber alle guten Claims klingen nach Marke und nicht nach Textgenerator mit Kaffeefleck.

Fünftens: Er ist handwerklich sauber. Rhythmus, Verständlichkeit, Merkfähigkeit, Kürze. Das ist nicht Kür. Das ist Pflicht.

Die drei Wege zum Claim

In der Praxis gibt es drei brauchbare Richtungen. Nicht mehr. Der Rest sind Mischformen oder Ausreden.

Der erste Weg ist nutzenorientiert. Der Claim verspricht einen klaren Vorteil. Das kann stark sein, wenn dein Angebot einen echten, spürbaren Nutzen liefert und du den Vorteil präzise benennen kannst.

Der zweite Weg ist haltungsorientiert. Hier zeigt die Marke, wie sie auf die Welt schaut. Das funktioniert vor allem dann, wenn die Haltung nicht gespielt, sondern im Verhalten sichtbar ist. Sonst kippt es schnell ins peinliche Marken-Kabarett.

Der dritte Weg ist differenzierend über Perspektive oder Sprache. Der Claim sagt nicht bloß, was du tust, sondern wie du es anders denkst. Das ist oft die spannendste Variante. Aber auch die riskanteste, weil sie Mut zur Kante braucht.

Welche Richtung für dich passt, hängt vom Reifegrad der Marke ab, vom Markt, vom Kommunikationsziel und davon, ob du überhaupt schon weißt, wofür du stehen willst. Viele wollen sofort Text. Was sie eigentlich brauchen, ist erst mal eine sauberere Positionierung.

Markenclaim entwickeln: erst denken, dann texten

Wenn du einen Claim entwickeln willst, fang nicht mit Wortspielen an. Fang mit den unangenehmen Fragen an. Wen willst du erreichen? Was soll hängen bleiben? Welche Spannung steckt in deinem Angebot? Was sagst du bewusst nicht? Und worin bist du tatsächlich anders, nicht nur laut PowerPoint?

Ein guter Prozess beginnt mit Schärfung. Zielgruppenbild. Markenkern. Wettbewerbsumfeld. Tonalität. Kommunikationsrolle des Claims. Soll er Dach sein, Klammer, Kampagnenanker oder Markenverdichtung? Das klingt strategisch. Ist es auch. Aber ohne diesen Teil wird Text schnell zu hübscher Deko mit kurzer Halbwertszeit.

Danach geht es in die Sprache. Verdichten. Zuspitzen. Verwerfen. Wieder zuspitzen. Gute Claim-Entwicklung ist kein lineares „Wir haben da mal drei Vorschläge“. Es ist Auswahl unter Druck. Denn meist gibt es viele okaye Lösungen. Aber nur wenige, die wirklich sitzen.

Die häufigsten Fehler beim Claim-Schreiben

Der erste Fehler ist Abstraktion. Sobald der Claim nur noch aus generischen Großwörtern besteht, ist er tot. „Zukunft gemeinsam gestalten“ ist kein Claim. Das ist ein sprachgewordener Konferenzkaffee.

Der zweite Fehler ist Erklärwut. Wenn du zehn Wörter brauchst, um den Satz halbwegs sinnvoll zu machen, stimmt meist der Gedanke nicht. Kürze ist nicht automatisch Qualität. Aber unnötige Länge ist fast immer ein Warnsignal.

Der dritte Fehler ist geklaute Coolness. Marken versuchen dann plötzlich frech, jung oder progressiv zu klingen, obwohl ihre gesamte Kommunikation sonst geschniegelt und folgenlos daherkommt. Ein Claim darf pointiert sein. Aber er muss zum Rest passen.

Der vierte Fehler ist juristische Angststeuerung. Natürlich muss ein Claim rechtlich prüfbar sein. Trotzdem darf diese Prüfung nicht der kreative Startpunkt sein. Wer zuerst fragt, was auf keinen Fall anecken könnte, bekommt zuverlässig Mittelmaß.

Muss ein Markenclaim zeitlos sein?

Jein. Er sollte nicht nach sechs Wochen altern wie ein Social-Media-Meme. Aber völlige Zeitlosigkeit ist auch kein Qualitätsbeweis. Manche Claims funktionieren über Jahrzehnte, weil sie eine starke, grundlegende Idee tragen. Andere dürfen einen Zeitraum prägen und später abgelöst werden, weil sich Marke, Markt oder Geschäftsmodell verändert haben.

Entscheidend ist nicht, ob der Claim für immer hält. Entscheidend ist, ob er jetzt und in absehbarer Zukunft die richtige Aufgabe erfüllt. Ein Markenclaim für einen Rebranding-Prozess hat andere Anforderungen als einer für eine etablierte Dachmarke mit langer Historie.

Wann du besser keinen Claim machst

Auch das gehört zur Wahrheit. Nicht jede Marke braucht zwingend einen Markenclaim. Wenn dein Name schon stark positioniert ist, dein visuelles System trägt und deine Kommunikation genug Eigenständigkeit hat, kann ein zusätzlicher Claim sogar verwässern.

Vor allem junge Unternehmen packen sich oft vorschnell einen Claim unter das Logo, weil es „markiger“ aussieht. Tatsächlich wirkt es oft wie ein Sicherheitskissen aus Floskeln. Wenn der Satz nichts schärft, lass ihn weg. Weglassen ist in der Markenarbeit oft die erwachsenere Entscheidung.

So testest du, ob dein Claim taugt

Nicht mit einer Abstimmung im großen Kreis. Da gewinnt fast immer der harmloseste Vorschlag, weil sich auf Mittelmaß alle einigen können. Sinnvoller ist ein Test entlang klarer Kriterien.

Frag dich: Ist der Satz merkfähig? Klingt er nach uns? Funktioniert er ohne Erklärung? Ist er spürbar anders als das, was der Wettbewerb behauptet? Kann man daraus Kommunikation entwickeln? Und hält der Claim auch dann noch, wenn man ihn nicht mit einem schicken Layout rettet?

Ein guter Test ist auch der Realitätscheck. Stell dir den Claim auf einer Packung vor, in einer Kampagne, im Sales-Deck, im LinkedIn-Post und im Funkspot. Wenn er nur in einer Disziplin glänzt, ist er eher ein Headline-Fundstück als ein Markenclaim.

Was ein starker Markenclaim am Ende leistet

Er spart dir nicht die restliche Markenarbeit. Aber er macht sie klarer. Ein guter Claim fokussiert Teams, schärft Kommunikation und baut Wiedererkennbarkeit auf. Er gibt deiner Marke eine sprachliche Kante, an der sich weitere Botschaften ausrichten können.

Und ja, manchmal ist er auch intern wertvoller als extern. Weil plötzlich jeder im Unternehmen versteht, was die Marke eigentlich sagen will. Das ist kein kleiner Effekt. Gerade in größeren Organisationen ist ein guter Claim oft weniger Schmuck als Ordnungsinstrument.

Wenn du also an einem Markenclaim arbeitest, behandle ihn nicht wie die Schlusszeile nach dem eigentlichen Job. Er ist Teil des eigentlichen Jobs. Und wenn der Satz am Ende zu brav, zu breit oder zu bekannt klingt, dann war er noch nicht fertig. Dann weiter. Lieber einmal mehr scharfstellen als jahrelang mit einem Claim leben, der höflich nickt und sonst nichts tut.

 
 
 

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